Bernhard Clasen

• BERNHARD CLASEN •
Aktuelles

15.9.2008:
Die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial"
berichtet über ihre jüngste Reise nach Südossetien

Die in georgischen Dörfern Südossetiens lebenden Georgier waren von den pro-georgischen Dorfverwaltungen Tage vor dem Angriff Georgiens auf Südossetien vorgewarnt worden. Deswegen haben sich viele Bewohner der georgischen Enklaven Südossetiens noch rechtzeitig vor Ausbruch der Kämpfe nach Georgien retten können. Dies berichteten Vertreter der russischen Menschenrechtsorganisationen Memorial und Human Rights Watch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag in Moskau. Die Menschenrechtler waren soeben aus Südossetien zurückgekehrt, wo sie sich vor Ort ein Bild von der Lage machten. Die Gruppe hatte dabei Kontakt mit der Bevölkerung, konnte mit südossetischen und russischen Soldaten sprechen, hatte Beamte befragt.

Heute, so die Menschenrechtler, sei die Lage in den georgischen Dörfern Südossetiens katastrophal. Die meisten Häuser seien geplündert und in Brand gesteckt worden, die verbliebenen Menschen, in der Regel alte Menschen, die nicht mehr fliehen konnten, seien in Lebensgefahr und müssten zeitnah evakuiert werden, so die Menschenrechtler. Noch vor wenigen Tagen habe das ICRC 29 Menschen von dort in Sicherheit gebracht.

Den Menschenrechtlern fällt es schwer, eine Zahl der in diesem Krieg Getöteten zu nennen. Die immer wieder in der russischen Presse genannten vierstelligen Zahlen halten sie jedoch nicht für realistisch. Auf jeden Fall aber seien für das kleine Volk Südossetiens die Verluste sehr hoch, so Alexander Tscherkassow von „Memorial“. Die Menschenrechtler begrüßten, dass eine „Gesellschaftliche Untersuchungskommission“ jüngst eine Liste von 311 Toten dieses Krieges im Kaukasus im Internet veröffentlicht habe. Dies sei eine wichtige Initiative, die mit dazu beitrage, Klarheit über die tatsächliche Zahl der Toten zu bekommen. Die meisten Zivilisten seien ums Leben gekommen, als sie ihre Keller verlassen hatten, um Wasser zu holen oder bei dem Versuch, die Stadt zu verlassen.

Die Angaben des russischen Ministers für Katastrophenschutz, Sergej Schojgu, zehn Prozent der Häuser seien zerstört, weitere 20 Prozent reparaturbedürftig, halten die Menschenrechtler für realistisch.
Sorge mache der steigende Alkoholkonsum der russischen Soldaten der 58. Armee in den Weinbaugebieten Südossetiens. Viele Osseten hatten den Soldaten als Zeichen der Gastfreundschaft und Dankbarkeit Wein geschenkt. Doch inzwischen schränke der Alkoholkonsum die Einsatzfähigkeit der Armee ein, die Soldaten könnten so zu einer Gefahr für sich und andere werden.

Von der russischen und der georgischen Seite forderten die Teilnehmer der Pressekonferenz, Angaben zu machen, welche Waffen eingesetzt worden seien. Dies würde die Suche nach zu entschärfender Munition einfacher machen. Von der ossetischen Seite fordern die Menschenrechtler, die georgischen Dörfer zu schützen und die Sicherheit der dort lebenden Menschen zu garantieren.

Anfang Oktober wollen die Menschenrechtler von Memorial und anderen russischem Menschenrechtsorganisationen eine zweite Reise in die Region unternehmen – nach Georgien.

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